Kulturschaffende mit K

Im Rahmen von UNFUC (in Chemnitz schreiben wir alles Wichtige mit C) entstand in der Mitte des Kulturhauptstadtjahres 2025 ein Text über uns Kulturschaffende in Chemnitz. 

Hier findet ihr den Text zum Nachlesen, da er immer noch witzig und immer noch sehr traurig und wahr ist.

EMPFOHLENE LITERATUR FÜR ALLE ENTSCHEIDER*INNEN IM KULTURBEREICH!

Kulturschaffende mit K

Seit dem 18. Januar 2025 ist Chemnitz offiziell Kulturhauptstadt Europas. Da ist ganz schön viel los – hab ich gehört. Ich selber weiß das nicht, weil ich Kulturschaffende in Chemnitz bin. Kulturschaffende mit K übrigens, denn in Chemnitz schreibt man alles Wichtige mit C. Aber dazu später mehr. Wenn Sie durch die Stadt gehen und Wesen sehen mit fettigen Haaren, einem leeren Blick über den dunklen Zweifach-Augenringen, irgendwo einen Button, wo was mit Kultur draufsteht und in jeder Hand mindestens eine Zigarette, dann handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine*n Vertreter*in der Spezies Kulturschaffende aus Chemnitz. Warum ist das so? Warum sehen wir so scheiße aus?

Nun ja, schauen wir ein paar Jahre zurück. 2020 sind wir Kulturhauptstadt geworden – aus verschiedenen Gründen. Wegen den Nazis, sagen die einen. Wegen des super krass großen Kulturhauptstadt-Bewerbungs-Programms, sagen die anderen. Am nächsten Tag jedenfalls, nach dem Feuerwerk und dem Freudentaumel, haben sich dann mal alle besonnen und die eine wichtige Frage stand auf einmal unfassbar groß im Raum: Wer soll das eigentlich alles machen? Also ja, es gibt diese gGmbH, die mal schlecht und ganz oft recht die Organisation übernimmt. Aber die Kunst, die Kultur das muss ja jemand von hier machen – so die Idee. Nicht nur die Einbindung der Chemnitzer Normalbevölkerung ist programmatisch mit dem Titel verbunden. Auch die Einbindung der Chemnitzer Kulturszene. Beides finde ich gut! Ersteres – die Einbindung der Chemnitzer Normalbevölkerung – weil es eine große Chance birgt: Es wird die ewig Nörgelnden von denen trennen, die dann trotz aller Skepsis mitmachen und sich trauen bei einem der sehr vielen partizipativen Angebote sich und ihre Stadt neu zu entdecken, die Komfortzone zu verlassen und sich auf etwas Neues einzulassen. Sie können begreifen, dass nur selber machen und mitgestalten zu Ergebnissen führt, die einen erfüllen. Die ewig nörgelnden Männer – es sind immer Männer – werden in einem Monat auf dem Weihnachtsmarkt stehen und sagen: „Seht ihr, es hat sich nichts geändert durch die Kulturhauptstadt! Ich habs euch gesagt. Es is alles wie immer. Und dafür ham die so viel Geld ausgegeben! Das hätten die och ma in Projekte stecken können, die uns Chemnitzern was bringen. Aber ne.“ „Stimmt! Und jetzt is och noch der Glühwein teurer!“ Jammer, jammer. Wein, wein. Nörgel, nörgel.

Letzteres – Einbindung der Chemnitzer Kulturszene – finde ich gut, weil man allzu lang bei Kunst aus Sachsen nur an die Semperoper in Dresden und die Buchmesse in Leipzig dachte. Aber nein, wir hier, wir in Chemnitz können auch was: Basteln zum Beispiel! Ein völlig unterschätztes Kulturgut. Aber Spaß bei Seite: Es gibt die von der Kreativwirtschaft. Das sind die, die mit Löten und Laubsägearbeiten in Makerhubs (immer noch keine Ahnung, was das sein soll) im Chemnitzer Umland Geld verdienen. Dann gibt es noch eine Hand voll cooler Macherinnen – es sind immer Frauen – in den Städtischen Institutionen: dem Figurentheater, dem Gunzenhauser oder dem Chemnitz Open Space der Kunstsammlungen, um mal einige Beispiele zu nennen. Das sind die, die durch und trotz eines institutionellen Rahmens Kunst schaffen und ermöglichen. Und dann gibt es noch die so genannten Freien – die bewegen sich zwischen Punk, Selbstausbeutung und einem unbedingten Willen. Ihre Habitate sind Clubs, der öffentliche Raum, kleine Galerien, kleine Theater, kleine Bandprobenräume. Das kann man alles unter OFF zusammenfassen. Manchmal ist nicht ganz klar, warum die alle noch hier sind. Die Freien, das sind die, die erst gar nicht gefragt wurden bei der Bewerbung zur Kulturhauptstadt, und die nun trotzdem einen Großteil der Veranstaltungen stemmen und Tourist*innen glücklich machen.
Und jetzt kommt das eigentliche Problem: Wenn wir jetzt mal in Kuchen denken, dann sind all diese eben genannten Kulturschaffenden ungefähr ein Krümel – das Kulturhauptstadtprogramm das ist eher so die Gebäckauslage im ehemaligen Globus! Oder mit anderen Worten: Wir sind so wenige!
Wir sind so wenige Kulturschaffende in Chemnitz.

Und daher kommt es, dass wenn Sie durch die Stadt gehen und eine*n von den oben genannten Kulturschaffenden fragen, da können Sie fragen, wen Sie wollen. Alle werden Ihnen die gleiche Antwort geben: Fuck die AfD. Oh, Entschuldigung. Das war durchgestrichen, das darf ich gar nicht sagen. Ich bin ja gefördert und damit fall ich unter ein Neutralitätsgesetz, das allerorten völlig falsch verstanden wird. Also nochmal. Wenn Sie durch die Stadt gehen, können Sie von den oben genannten Kulturschaffenden fragen, wen Sie wollen: „Was gehtn heut Abend?“ Alle werden Ihnen die gleiche Antwort geben: „Ich will mal wieder duschen!“ Und: „Ich weiß nicht, was heute Abend geht. Weil ich besuche keine Veranstaltungen der Kulturhauptstadt. Weil ich habe keine Zeit. Weil ich bereite mein eigenes KuHa-Projekt vor.“ Man könnte meinen, das sollte nun langsam besser werden mit Voranschreiten der Kulturhauptstadt, irgendwann ist ja nun mal jede Ausstellung eröffnet und jede Premiere gefeiert! Aber so wenige wie wir sind, machen wir ja nicht nur ein Projekt! Nein. Für uns Kulturschaffende bleibt nur eine Möglichkeit, Veranstaltungen zu erleben, die nicht unsere eigenen sind: Wir werden von den anderen eingeladen, mitzuwirken!
Denn irgendjemand muss die ganzen Panels ja auch moderieren. Irgendjemand muss die ganzen alternativen Stadtführungen ja auch anbieten. Irgendjemand muss ja die Gäste der ganzen Kongresse und Klausurtagungen willkommen heißen – und – no offense! – aber nicht immer wollen wir Stefan Schmidtke sehen! Irgendjemand muss ja auch authentische Grußworte sprechen, authentische kulturpolitische Statements abgeben, authentische Empfehlungen authentisch empfehlen. Die Gäste, die von weit her kommen, Düsseldorf zum Beispiel, die wollen ja auch echte authentische Chemnitzer Künstler*innen sehen und anfassen!

Und das ist der Grund, warum wir so viel rauchen und tagelang nicht duschen. Egal mit wem ich spreche, alle Kulturschaffenden in Chemnitz führen gerade ein Leben am Limit, meine Freund*innen sehe ich nur noch auf Instagram, wenn sie Neuigkeiten aus ihren Projekten vorstellen. Und wenn wir uns doch live auf Veranstaltungen sehen, umarmen wir uns und nutzen den Moment für ein kurzes Schläfchen auf einer verständnisvollen Schulter, bevor wir nach zehn Sekunden wieder herausgerissen werden, weil ungeachtet unserer Augenringe schon wieder eine Pressevertreterin dasteht und wissen möchte, wie es in Chemnitz so läuft mit der Kulturszene…
Wir versuchen in der Kürze der Zeit alles zu umreißen und trotzdem differenziert zu beschreiben und dann kommt ein lokaler Journalist, nennen wir ihn Tim, und macht alles wieder zunichte mit Sätzen wie: „Gut vorstellbar also, dass [Kraftklub], ewig hadernd mit ihrer am Herz festgewachsenen Heimatstadt, einen Song auf der Pfanne hat, der zur Schauspielhaus-Situation halt schon passt wie der Mittelfinger ins Gesicht der offiziellen Kuha.“
Tim, das versteht kein Mensch!

Aber vielleicht ist es ja ganz passend. Weil was auch kein Mensch versteht, ist der Umgang der Stadt Chemnitz mit ihrer Kultur und den Kulturschaffenden. Und jetzt komm ich darauf zurück, warum wir mit K geschrieben werden, denn in Chemnitz schreibt man ja bekanntlich alles Wichtige mit C.

Sind wir mal ehrlich: Hätten wir den Titel nicht bekommen, gäbe es jetzt schon keine Kultur mehr in Chemnitz. So gibt es erst 2026 keine Kultur mehr in Chemnitz. Das hat verschiedene Gründe. Einer davon ist, dass der OB Sven Schulze Kultur jetzt nicht so sehr abfeiert. Geschmackssache? In einer Zeit, in der das Land Sachsen und die Bundesregierung, so scheint es, nicht mehr bereit sind Kultur als einen Motor von Demokratie zu erkennen, als einen Ort, an dem unterschiedliche Meinungen und Positionen verhandelt werden dürfen und der im besten Falle auch dazu einlädt nicht nur mit kulturaffinen Menschen ins Gespräch zu gehen, sondern eben mit allen, wäre es ja ein tolles Statement, wenn man sich FÜR Kultur ausspricht, obwohl es keine städtische Pflichtaufgabe ist.
Man könnte Kultur als einen Ort für alle begreifen! Und wenn man das nicht nur sagt, sondern auch meint, würde das bedeuten, dass man kulturelle Orte finanziell unterlegt. Dass es einen solchen Ort also gibt und dass an diesem Ort Menschen ausreichend dafür bezahlt werden, diesen Ort inhaltlich zu füllen.
Jedoch: Mitten im Kulturhauptstadtjahr werden UNSEEN und still Kürzungen vorgenommen. Mitten im Kulturhauptstadtjahr wird der Kulturbeirat als „befangen“ deklariert und somit an seiner eigentlichen Aufgabe gehindert, für die Kulturschaffenden und ihre Arbeitsbedingungen einzutreten. Mitten im Kulturhauptstadtjahr wird von Seiten der Stadt Chemnitz – so scheint es – alles, wofür die KuHa stehen könnte, als nichtig erklärt.

Unsere fettigen Haare und dieses eben beschriebene Vorgehen passen übrigens zusammen! Wenn in dem Jahr, in dem die wenigen, die hier weiter unter schwierigen Bedingungen Kultur schaffen, so krass am Arbeiten sind, um die Idee der Kulturhauptstadt umzusetzen, dass sie nur noch an fettigen Haaren, ihrem leeren Blick und den Zweifach-Augenringen zu erkennen sind, dann reicht die Energie nicht aus, um zusätzlich noch um das Grundsätzlichste zu kämpfen. Chapeau, liebe Politik, sehr schlau gewählter Zeitpunkt.

Und dennoch! Eine kleine Gruppe von Akteur*innen rafft sich auf und besetzt im Mai das Chemnitzer Schauspielhaus mit einer politischen Aktion, fordert die Wiederbelebung des Diskurses für das Haus, fordert den Stopp der Kürzungen, schafft es mit wenigen Ressourcen (Menschen und Mitteln) viele andere Akteur*innen mit einzubinden und zumindest ein Wochenende lang, den Blick auf das Problem zu richten.
Vielen DANK an dieser Stelle für euren Einsatz!

Es gibt zwei Betrachtungsweisen dieser Aktion.
Betrachtungsweise 1 aus Sicht der Chemnitzer (Sub)Kultur-Szene:
Wir haben wieder einmal bewiesen, wie krass wir sind! Mit besagten wenigen Ressourcen in kürzester Zeit ein politisches Statement an einem brisanten Ort auf die Beine zu stellen. Drei Tage Theater, Konzerte, Diskussionsrunden. Einfach so. Bäm! Das Netzwerk greift. Ja, wir können sowas. Wir labern nicht nur, wir machen!

Betrachtungsweise 2 aus Sicht der Stadt Chemnitz und der Kulturhauptstadt gGmbH:
STADT CHEMNITZ
Geil! Die Chemnitzer (Sub)Kultur-Szene hat wieder einmal bewiesen, wie krass sie ist. Mit so wenigen Ressourcen, weil wir haben sie nicht gefördert –
KUHA
ja, wir auch nicht, hihi –
STADT CHEMNITZ
in kürzester Zeit ein Mini-Festival auf die Beine zu stellen. Da können wir als Stadt Chemnitz echt noch was lernen von denen.
KUHA
Drei Tage lang Programm mit Theater, Konzerten, Diskussionsrunden. Ein Zusatzprogrammpunkt. Einfach so.
STADT CHEMNITZ
Bäm!
KUHA
Ja und wir mussten nichts dafür tun!
STADT CHEMNITZ
Ja und dann auch noch kostenfrei!
KUHA
Ja und vor allem: Wir können das auch noch politisch verkaufen, weil ehrlich gesagt im Kulturhauptstadtprogramm haben wir jetzt gar nicht so viele politische Programmpunkte.
Ich – Stefan Schmidtke – ich geh mal hin und bedank mich bei denen.
Das nenn ich echt Efficiency!
STADT CHEMNITZ
Ja, gute Idee. Wir – die Stadtverwaltung Chemnitz – wir gehen auch mal hin. Am besten geht der Ordnungsbürgermeister und nimmt noch ein bisschen Polizei mit. Und dann sagen wir denen aber, dass das Okay ist. Dann haben wir auch noch gute Presse.
Ideal!

Ansonsten lässt sich keine Vertretung der Stadt Chemnitz blicken! Warum auch? Es sind ja nur irgendwelche Kulturschaffenden mit K, die ein bisschen spielen wollen. Die tun niemandem weh. Die sind nicht gefährlich. Die können außerdem bald nicht mehr.
Die Stadt Chemnitz macht das, was sie am besten kann: Sie sitzt es aus.
Und lässt Raum für Spekulationen. Denn das Jahr der Kulturhauptstadt ist auch das Spiel mit dem Geheimnis. Wird die Stadt Chemnitz sich positionieren? Wenn ja, wird das dann irgendwas mit dem zu tun haben, um was es eigentlich geht? Und vor allem: Passiert es noch bevor (2025) oder erst nachdem (2026) alle Kulturorte in dieser Stadt sterben? Aber wenn alle tot sind, dann ist es ja auch schon egal. Dann brauchen wir eigentlich gar nichts entscheiden, hör ma!

Das trifft sich im Grunde auch ganz gut. Eine Legacy-Strategie ab 2026 gibt es eh nicht so richtig. Die ewig Nörgelnden werden dann – wie auch übrigens das ganz KuHa-Jahr über – montags am Kopf stehen und Fahnen schwenken. Die neuen, zivilgesellschaftlichen Initiativen werden ein bisschen traurig sein, weil sie das Spiel noch nicht kennen und verdursten dann spätestens im Sommer.
Und die Chemnitzer Kulturschaffenden? Na, die gehen endlich mal duschen.